Die 7 Finanzkennzahlen, die jeder Schweizer KMU Inhaber kennen muss
“Läuft bei uns ganz gut.”
Besonders im Schweizer Mittelstand höre ich das oft. Und meistens stimmt es auch irgendwie. Die Auftragslage ist okay, die Kunden zahlen, die Rechnungen werden beglichen.
Aber wenn ich nachfrage: Wie gut genau? Dann wird es schwammig.
Wie hoch ist deine Eigenkapitalquote? Wie viele Tage dauert es im Schnitt, bis deine Kunden zahlen? Wie viel Working Capital ist im Tagesgeschäft gebunden?
Wenn du darauf keine saubere Antwort hast, ist das kein Drama. Das ist bei vielen KMU normal. Das Risiko ist nur: Du steuerst auf Sicht. Probleme werden oft erst sichtbar, wenn sie akut sind. Entscheidungen passieren dann eher aus dem Bauch heraus statt auf Basis von Fakten.
Die gute Nachricht: Es braucht nicht viel, um das zu ändern.
Sieben Kennzahlen reichen. Kennzahlen, die dir früh zeigen, ob dein Unternehmen finanziell auf Kurs ist oder ob du gegensteuern musst.
In diesem Artikel zeige ich dir die wichtigsten Kennzahlen, jeweils mit Definition, Formel, praxisnaher Einordnung und konkreten Hebeln, falls der Wert schlecht aussieht.
Welche Daten du dafür brauchst
Du musst dafür keine perfekte Finanzabteilung haben. In der Praxis reichen meist drei Quellen, die du ohnehin schon hast: deine monatliche Bilanz, deine monatliche Erfolgsrechnung und eine aktuelle Debitoren und Kreditorenübersicht. Für DSO brauchst du vor allem die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen sowie den Umsatz. Für Liquiditätsgrad, Working Capital und Verschuldungsgrad kommen Bilanzpositionen wie flüssige Mittel, kurzfristige Verbindlichkeiten, Vorräte, Fremdkapital und Eigenkapital dazu. Für EBITDA und die EBITDA Marge nutzt du die Erfolgsrechnung, typischerweise Betriebsertrag minus Betriebsaufwand vor Abschreibungen. Wenn du monatlich arbeitest, wird es noch besser, wenn du für den Umsatz eine rollierende Zwölfmonatsbasis verwendest, damit saisonale Effekte weniger verzerren.
Wenn du keinen Lagerbestand hast
Viele Dienstleister haben keine oder nur geringe Vorräte. Dann ist DIO und damit auch der Cash Conversion Cycle weniger aussagekräftig. In solchen Fällen steckt das gebundene Kapital meist in Forderungen und in Projektvorleistungen, also in Arbeit, die schon geleistet wurde, aber noch nicht fakturiert oder noch nicht bezahlt ist. Wenn du projektbasiert arbeitest, lohnt es sich deshalb zusätzlich, angefangene Arbeiten und noch nicht verrechnete Leistungen als eigene Steuerungsgrösse zu beobachten. Praktisch heisst das: Du fokussierst stärker auf DSO, auf die Entwicklung der offenen Posten, auf Zahlungspläne mit Meilensteinen und auf eine rollierende Liquiditätsvorschau.
1. Eigenkapitalquote
Was sie misst: Wie solide dein Unternehmen finanziert ist.
Die Eigenkapitalquote zeigt, wie viel Eigenmittel im Verhältnis zur Bilanzsumme im Unternehmen stecken. Je höher, desto unabhängiger bist du von Banken und Gläubigern und desto grösser ist dein Puffer in Krisen.
Formel
Eigenkapitalquote = (Eigenkapital / Bilanzsumme) × 100
Beispiel
Eigenkapital CHF 300’000 bei einer Bilanzsumme von CHF 1’000’000 ergibt eine Eigenkapitalquote von 30 Prozent.
Einordnung: Viele Schweizer Unternehmen liegen im Schnitt ungefähr um 30 Prozent Eigenkapitalanteil, je nach Branche deutlich darüber oder darunter.
Warnsignal: Unter 20 Prozent wird es oft unangenehm. Banken werden vorsichtiger, Kreditkonditionen werden schlechter, und in einer Krise fehlt dir Puffer.
Was tun, wenn die Quote zu tief ist: Du behältst Gewinn eher im Unternehmen statt auszuschütten. Du prüfst, ob eine Kapitalerhöhung Sinn macht. Du reduzierst Fremdkapital, wo es möglich ist. Und langfristig verbesserst du die Profitabilität, weil das Eigenkapital so organisch wächst.
2. Liquiditätsgrad 2 (Quick Ratio)
Was sie misst: Ob du kurzfristige Verbindlichkeiten mit schnell verfügbaren Mitteln decken kannst, ohne Vorräte verkaufen zu müssen.
Der Liquiditätsgrad 2 vergleicht schnell liquidierbare Teile des Umlaufvermögens mit den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Vorräte werden herausgerechnet, weil sie in Stresssituationen nicht zwingend schnell oder zum gewünschten Preis liquidierbar sind.
Formel
Liquiditätsgrad 2 = (Umlaufvermögen minus Vorräte) / kurzfristige Verbindlichkeiten
Beispiel
Umlaufvermögen CHF 500’000 minus Vorräte CHF 150’000 geteilt durch kurzfristige Verbindlichkeiten CHF 250’000 ergibt 1,4.
Einordnung: Werte unter 1,0 sind oft kritisch. 1,0 bis 1,5 ist für viele KMU solide. Über 1,5 ist komfortabel. Zu hoch kann aber auch bedeuten, dass zu viel Cash unproduktiv liegt.
Warnsignal: Unter 1,0 heisst oft: Du bist auf Lagerabbau oder sehr schnelle Zahlungseingänge angewiesen, um Rechnungen zu bezahlen.
Was tun, wenn der Wert schlecht ist: Du beschleunigst das Inkasso, zum Beispiel mit konsequentem Mahnwesen und sauberem Prozess. Du verhandelst längere Zahlungsziele mit Lieferanten. Du reduzierst kurzfristige Spitzen, indem du Ausgaben zeitlich planst. Und du baust eine Liquiditätsreserve auf.
3. Days Sales Outstanding (DSO)
Was sie misst: Wie lange es durchschnittlich dauert, bis Kundenrechnungen bezahlt werden.
DSO zeigt die durchschnittliche Anzahl Tage zwischen Rechnungsstellung und Zahlungseingang. Je kürzer, desto besser für die Liquidität.
Formel
DSO = (Forderungen aus Lieferungen und Leistungen / Umsatz) × 365
Beispiel
Forderungen CHF 300’000 bei Jahresumsatz CHF 2’000’000 ergeben einen DSO von 54,8 Tagen.
Einordnung: Ein guter DSO hängt stark von Branche und Kundenstruktur ab. In vielen B2B Settings sind 45 bis 60 Tage nicht ungewöhnlich, in anderen Bereichen sind 30 bis 45 Tage realistisch.
Warnsignal: Über 60 Tage ist oft ein Zeichen, dass zu viel Cash in Debitoren gebunden ist.
Was tun, wenn der DSO zu hoch ist: Du verkürzt Zahlungsziele, wo es geht. Du bietest Skonto an, wenn es sich rechnet. Du startest das Mahnwesen konsequent ab Fälligkeit. Bei Projekten arbeitest du mit Anzahlungen und Meilensteinen. Bei Neukunden prüfst du die Bonität und setzt Kreditlimiten.
4. EBITDA Marge
Was sie misst: Wie profitabel dein operatives Geschäft vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ist.
EBITDA ist ein hilfreicher Indikator für operative Ertragskraft, weil es Finanzierung und Abschreibungseffekte ausblendet. Wichtig: Es ersetzt nicht den Cashflow, kann aber ein guter Vergleichswert sein.
Formel
EBITDA Marge = (EBITDA / Umsatz) × 100
Beispiel
EBITDA CHF 250’000 bei Umsatz CHF 2’000’000 ergibt eine EBITDA Marge von 12,5 Prozent.
Einordnung: Stark branchenabhängig. Als grobe Orientierung gilt: Unter 5 Prozent ist oft kritisch. 5 bis 10 Prozent ist in vielen Branchen durchschnittlich. 10 bis 15 Prozent ist gut. Über 15 Prozent ist sehr gut.
Warnsignal: Unter 5 Prozent reichen kleine Schocks, um dich in die Verlustzone zu drücken.
Was tun, wenn die Marge zu tief ist: Du prüfst Preisgestaltung, Rabattlogik und Vertragskonditionen. Du reduzierst Fixkosten oder wandelst Fixkosten in variable Kosten um. Du optimierst den Produkt und Kundenmix und eliminierst unprofitable Leistungen. Du hebst Effizienz durch Prozessverbesserungen.
5. Working Capital Ratio
Was sie misst: Wie viel Kapital im operativen Geschäft gebunden ist, relativ zum Umsatz.
Working Capital ist typischerweise Forderungen plus Vorräte minus Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen. Die Ratio zeigt, wie viel davon du pro Umsatzfranken brauchst.
Formel
Working Capital Ratio = (Working Capital / Umsatz) × 100
Beispiel
Working Capital CHF 400’000 bei Umsatz CHF 2’000’000 ergibt 20 Prozent.
Einordnung: Auch hier ist die Branche entscheidend. Als grobe Orientierung sind 10 bis 20 Prozent oft gut, 20 bis 30 Prozent eher durchschnittlich. Über 30 Prozent kann auf Ineffizienz hindeuten.
Warnsignal: Über 30 Prozent heisst häufig: Zu viel Cash steckt in Vorräten oder offenen Rechnungen.
Was tun, wenn der Wert zu hoch ist: Du reduzierst Lagerbestände, verkürzt Debitorenlaufzeiten und verhandelst längere Kreditorenziele. Bei Projekten setzt du auf Anzahlungen und klare Zahlungsmeilensteine.
6. Verschuldungsgrad
Was er misst: Wie stark dein Unternehmen fremdfinanziert ist.
Der Verschuldungsgrad zeigt das Verhältnis von Fremd zu Eigenkapital. Je höher, desto stärker ist dein finanzieller Hebel und desto sensibler bist du gegenüber Zinsanstiegen und Umsatzschwankungen.
Formel
Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Eigenkapital
Beispiel
Fremdkapital CHF 700’000 bei Eigenkapital CHF 300’000 ergibt 2,33.
Einordnung: Unter 2 ist in vielen Fällen gesund. 2 bis 3 ist häufig tragbar. Über 3 kann riskant werden, je nach Stabilität deines Cashflows.
Warnsignal: Über 3 bedeutet: Auf jeden Franken Eigenkapital kommen mehr als drei Franken Fremdkapital.
Was tun, wenn der Verschuldungsgrad zu hoch ist: Du stärkst Eigenkapital über Gewinnthesaurierung oder Kapitalzufuhr. Du reduzierst Schulden, wo es sinnvoll ist. Und du arbeitest daran, die Ertragskraft zu erhöhen, damit das Eigenkapital organisch wächst.
7. Cash Conversion Cycle
Was er misst: Wie lange dein Cash im operativen Kreislauf gebunden ist, bevor es zurückfliesst.
Der Cash Conversion Cycle verbindet drei Hebel: Forderungen, Lager und Lieferantenkredite. Er zeigt, wie viele Tage zwischen Geldausgabe an Lieferanten und Geldeingang von Kunden liegen.
Formel
Cash Conversion Cycle = DSO + DIO minus DPO
DSO = Zahlungseingangsdauer
DIO = Lagerdauer
DPO = Lieferantenzahlungsdauer
Beispiel
DSO 55 Tage plus DIO 30 Tage minus DPO 40 Tage ergibt einen Cash Conversion Cycle von 45 Tagen.
Einordnung: Unter 30 Tage ist oft sehr gut. 30 bis 60 Tage ist häufig normal. Über 60 Tage ist ein klares Optimierungsthema.
Warnsignal: Über 60 Tage bindet dein Betrieb zu viel Liquidität.
Was tun, wenn der Wert zu hoch ist: Du verkürzt DSO, senkst Lagerdauer und verhandelst längere DPO, ohne die Lieferantenbeziehung zu schädigen.
So trackst du diese Kennzahlen ohne grossen Aufwand
Vielleicht denkst du jetzt: Das klingt gut, aber ich will nicht jeden Monat Formeln bauen.
Genau deshalb lohnt sich ein einfaches Dashboard. Du trägst einmal pro Monat ein paar Werte aus Bilanz und Erfolgsrechnung ein, und das System berechnet die Kennzahlen automatisch. Ideal ist eine Darstellung mit Ampellogik und Trend über 12 Monate, damit du sofort siehst, ob sich etwas verschlechtert.
Hier kannst du das Excel Dashboard kostenlos herunterladen: (Klick)
Was du jetzt tun solltest
Diese sieben Kennzahlen sind kein Selbstzweck. Sie sind dein Frühwarnsystem.
Wenn die Eigenkapitalquote unter 20 Prozent fällt, ist das ein Signal, früh gegenzusteuern. Wenn der DSO über 60 Tage steigt, weisst du, dass Debitorenmanagement Priorität braucht.
Das Entscheidende ist: Du siehst Probleme bevor sie akut werden. Du steuerst proaktiv statt reaktiv. Das funktioniert aber nur, wenn du die Kennzahlen auch regelmässig trackst. Einmal im Monat, nicht einmal im Jahr.
Wenn du das nicht intern aufbauen willst, kann ein strukturiertes Reporting Setup helfen. Wir bauen dir ein monatliches Reporting auf, das diese Kennzahlen zuverlässig liefert, inklusive Kommentierung, Trendanalyse und konkreten Massnahmen.
Über den Autor
Daniel Martin ist Fractional CFO und hilft Schweizer KMU und Startups, ihre Finanzen zu professionalisieren, ohne Vollzeit CFO Kosten. Martin Advisory unterstützt bei Liquiditätsplanung, Reporting und strategischer Finanzsteuerung.